Dienstag, 22. Oktober 2013

Wie man die Welt verbessern kann

Es war noch dunkel, als ich morgens ins Büro kam. Die schwächliche Herbstdämmerung versprach einen dunklen, tristen Tag. Wieder mal. Ich hängte meinen Mantel auf und setzte mich an meinen Schreibtisch. Auf der Tastatur lag eine Notiz, offenbar vom Redakteur: „Artikel WIE MAN DIE WELT VERBESSERN KANN. Bis 16:00!“ Okay. Endlich wurde ich mal gefordert. 
Ich hatte schon viel gelernt, seit meinem Praktikum und ich dachte mittlerweile auch wie ein Journalist. Ich fing an, mich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Um Misststände zu beheben, muss man sich diese zuerst vor Augen führen. Quasi alles sammeln, was scheisse ist. Ich begann voller Enthusiasmus mit einer Aufzählung. Hier ein Auszug: Elitäre Machtstrukturen. Fast Food. Materialistische Wertvorstellungen. Leere Zuschauerränge. Inkonsequente Geschlechtergleichstellung. Recycliertes Papier. Globale Konglomerate. Frigide Frauen. Soziale Netzwerke. Hierarchische Strukturen. Bevölkerungswachstum. Überalterung. Volksverblödung. Massagen ohne Happy End. Massenmedien. Soziale Ungleichheit. Steigende Bierpreise. Schlechte Schiedsrichter. Klimaungleichgewicht. Unrasierte Frauen. Erfolgsorientierte Menschen. Egomanen. Reality TV. Schlafmangel. Psychische Erkrankungen. Kriegsindustrie. Politik. Smartphoneakkus. Gluten und Glutenfreies. Luxus. High Society. Vorstände. Statuten. Überstunden. Deutsche Comedians. Kreuzbandrisse. Casting Shows. Meetings. Small Talk. Etikette… Und so weiter, und so weiter. 
Kurz vor der Mittagspause hatte ich soviele Missstände gesammelt, dass ich erstmal kacken musste. Die Masse an Problemen überforderte mich. Ich resignierte. Das wars! Ich hatte meine Chance. Probezeit und raus! Was soll's. Ich bemitleidete mich eine Weile, aber dann entdeckte ich die Lösung zu all meinen Problemen: Ich musste DAS Problem werden! Es war ganz einfach. Wenn ich glaubhaft darstellen konnte, dass ich für all die Scheisse verantwortlich war, dann konnte ich mich als alleinige Problemquelle ausmachen. Was in gewissem Sinn auch stimmte. Denn jeder Einzelne ist mitverantwortlich für Probleme, welche die Allgemeinheit betreffen. Und da man primär sich selbst ändern kann, macht es Sinn sich selbst als Hauptproblem zu identifizieren.
Ich war begeistert von meinem Einfallsreichtum, trotz der etwas pathetischen Auslegung der Aufgabenstellung.  Ich schrieb wie ein Teufel. Die Mittagspause war gestrichen, ich war zu sehr in Fahrt. Es war magisch. Die Gliederung des Artikels ergab sich wie von selbst und die Wörter flossen aus mir raus als würde ich sie ausschwitzen. Mein Plädoyer zur Rettung und Erhaltung der Welt, der Menschheit und allem was sonst noch erhaltenswert war, wurde brilliant. Ich schloss mit der durchaus überraschenden Erkenntnis, das man mich beseitigen müsse, da dies die einzige Möglichkeit sei, wie man die Welt nachhaltig verbessern, ja gar retten könne. Das meinte ich natürlich nur metaphorisch und sollte nicht nur für mich, sondern für den Mensch als Spezies gelten. Stolz druckte ich meinen Artikel aus und brachte ihn dem Redakteur zur Prüfung. Deadline eingehalten, Vorgaben erfüllt! Ich war zuversichtlich.

Seither bin ich auf der Flucht vor der Staatsgewalt. Besser gesagt, vor den Staatsgewalten. Denn der Redakteur hat unmittelbar nach dem Durchlesen meines Artikels die Behörden verständigt. Die interpretierten meinen Artikel als Geständnis eine Bedrohung für die Menschheit zu sein. So wurde die Armee eingeschaltet und das Ganze weitete sich zu einer internationalen Angelegenheit aus. Zwischen zwei Kaffeepausen wurde ich zum Staatsfeind Nummer 1, innerhalb einer Woche zum erklärten Todfeind der Menschheit. Ich kann nicht verraten wo ich mich momentan befinde. Aber ich möchte gerne klar stellen, dass mein Artikel kein Geständnis war und ich meine Aussagen widerrufe. Um es noch mal ganz deutlich zu schreiben: Ich bin NICHT an allem Elend dieser Welt schuld und ich bin KEINE Bedrohung für die Menschheit. Bitte lasst uns wieder Freunde sein. Okay?
  

Keine Kommentare:

Kommentar posten