Freitag, 4. November 2016

Über Herbst, Kreisläufe und Routinen


Der Herbst steht mitten in der Blüte. Man könnte gar sagen, er hat seinen Zenit bereits überschritten. Die bunte Üppigkeit der farbigen Laubbäume weicht schon zunehmend der kargen Nacktheit der kahlen Äste. Aus dem fruchtbaren Leib des Sommers wird das klägliche Gerippe des Winters. Werden und vergehen. Leben und sterben. Licht zu Dunkel.
Die Erntezeit ist vorbei, Chilbis und Oktoberfeste sind gefeiert, Kürbisse wurden geschnitzt und verfaulen langsam (verfaulen Zierkürbisse wirklich?) und die Sommerzeit wurde zugunsten einer zusätzlichen Stunde Saufen Schlafen geopfert. Wenn man morgens aus der Tür tritt, ist es nun zwar kurzzeitig etwas heller, dafür macht sich langsam eine stechende Kälte bemerkbar. Schon bald wird man ins Freie treten und vom gemeinen Wind geohrfeigt werden. Es ist bemerkenswert, dass wir in unseren Breitengraden während beinahe einem halben Jahr im Nebel und im Grau leben. Es ist eine lange Zeit des Sterbens und des Tot Seins, bevor im Frühling endlich eine Wiedergeburt stattfindet. Ich mag diesen Kreislauf. Alles hat seinen Platz, alles hat seine Zeit. Jede Jahreszeit, jeder Monat, jede Entwicklung des Wetters und der Umwelt gibt mir ein vertrautes Gefühl. Die bunten Blätter im Herbst sind mir ebenso vertraut wie die grünen Knospen im Frühling. Der erste Hitzetag ist ebenso ein Ereignis wie der erste Schneefall. Man verknüpft das Geschehen sofort mit Erinnerungen und fühlt sich, als ob man einen alten Freund wieder treffen würde. Es scheint widersprüchlich, dass die tägliche Routine mich bedrückt, aber die jährliche Routine mich erfreut. Da man den Lauf der Zeit ohnehin nicht aufhalten kann, sollte man sich treiben lassen und geniessen, was die jeweilige Zeit des Jahres gerade mit sich bringt.

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