Freitag, 30. Dezember 2016

Auswahl 2016 (Diverse Fragmente, Gedanken, Notizen)

1.
Der Mensch erfand das Alphabet. Heute feiern wir dies als kulturelle Errungenschaft, als Grundstein der modernen Zivilisationen. Aber warum haben die Ägypter denn überhaupt das Alphabet erfunden? Weil die Hieroglyphen von den Sklaven nicht verstanden wurden. Es ging einzig und allein darum, leicht verständliche Arbeitsanweisungen zu übermitteln. Der Rosettenstein diente zur Überlieferung und Übersetzung der Befehle vom Big Boss zum kleinen Arbeiter. Jahrtausende später schrieb Joyce den Ulysses mit einem Alphabet, dass sich aus diesen Sklavensymbolen entwickelte. Leopold Bloom war auch so ein Sklave, aber natürlich modernerer Prägung. Wie wir alle heute Sklaven der Arbeit und des Kapitals und des Internets und der Sexualität und der Suchtmittel sind.




2.
Ich glaube, der Mensch wird nicht abhängig vom Alkohol, sondern vom Erlebnis, dass damit zusammenhängt. Natürlich ist er irgendwann mal körperlich davon abhängig, aber es ist nicht der Alkohol, der den Grundstein zur Sucht legt. Es ist die Möglichkeit, aus dem Alltag auszubrechen. Man ist wie eine verkleidete Schaufensterpuppe, die leblos hinter Glas rumsteht und auf einmal verwandelt man sich in ein atmendes, fühlendes Wesen. Man reisst sich die Kleider vom Leibe, zertrümmert die Scheibe und rennt in die endlose Freiheit. Man spürt sich, riecht, denkt und handelt. Das ist das Erlebnis, dass wirklich süchtig macht.


3.
Warum versucht man etwas festzuhalten, was flüchtig ist? So geht es mir mit vielen Dingen. Mit Erinnerungen, Gefühlen, Einstellungen oder Stimmungen. Mit der Kreativität. Mit Launen. Alles Mögliche. Beispiel Kreativität: Letzte Woche fiel es mir leicht zu schreiben, heute ist alles zäh und mühsam. Worte passen nicht zusammen, Aufzählungen wirken willkürlich und künstlich.

4.
Natürlich wäre es schön, mehr auf der Seite zu haben. Aber zum einen ist mir dies nur schwer möglich und zum anderen bedeutet es mir auch zu wenig, als dass ich dafür Opfer erbringen würde. Ich bin natürlich nicht die moderne Reinkarnation des Diogenes, aber wenn ich mir so anschaue, wie andere Menschen sich in der Tretmühle abhetzen, dann bin ich ganz zufrieden mit meinem Ansatz.

5.
Das ganze menschliche Schicksal ist deprimierend. Die Sterblichkeit, das ewige Damoklesschwert. Das Altern, die konstante Drohung des Verfalls und des Abstiegs. Man findet sich rasch auf existentialistischen Spuren wieder, wenn man sich über solche Dinge Gedanken macht.

6.
Es war kurz nach Mittag, ich lief gerade durch die Stadt auf der Suche nach einer Idee. Genauer gesagt, wusste ich nicht genau, was ich suchte. Am liebsten wäre mir eine Inspiration oder eine Muse gewesen, doch ich war bereit mich mit weitaus weniger zu begnügen, so verzweifelt war meine Situation. Jedenfalls stand ich gerade vor der Apotheke, als eine Mutter mit ihrem verzogenen Sohn vorbeilief. Der Junge quengelte ohne Unterbruch. Zuerst wollte er Schokolade, dann wollte er auf eins dieser Dinger sitzen, die ganz unterschiedliche Formen haben und man kann ein paar Münzen einwerfen und dann fängt es an, sich auf und ab und vor und zurück zu bewegen. Das Ding vor der Apotheke sollte ein kleines Flugzeug darstellen. Die Mutter gab schliesslich resigniert auf, setzte den Jungen auf das Flugzeug – notabene war es ein Passagierflugzeug und sie setzte ihn AUF das Flugzeug, weil es zu klein für eine Kabine war – und kramte in ihrer Brieftasche nach Kleingeld. Nach einigem Suchen und dem ungeduldigen Plärren des Kindes gab sie resigniert auf. Sie blickte rasch auf, erhaschte mich mit ihrem Blick und kam zögerlich auf mich zu. Sie frage mich, ob ich ihr einen Zehner gegen Kleingeld wechseln könne. Ich nahm meinen dicken Geldbeutel hervor und kramte allerlei Münzen zusammen. Ich hatte weitaus mehr als genügend Münzen, also gab ich ihr eine Handvoll für einen Zehner und freute mich, dass ich nun weniger Gewicht mit mir tragen musste. Das Kind quickte zunächst freudig, als das Flugzeug sich in Bewegung setzte. Die Mutter atmete tief durch und rang sich ein Lächeln in meine Richtung ab, doch bereits nach wenigen Sekunden sprang der Jung vom Flugzeug ab und rannte ungeduldig umher und schrie etwas von „Spielzeug! Spielzeug!“. Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich wieder in Bewegung. Eine Idee hatte ich immer noch nicht, aber der Tag war schliesslich noch lang.

7.
Die Existenz und das Werk alleine sollten wichtiger sein als Würdigung, Aufmerksamkeit und Erfolg. In letzter Konsequenz heisst das aber auch, dass möglicherweise komplett unbeachtete Menschen und Künstler unglaublich wertvolles schaffen. Das klingt wiederum plausibel. Nicht jeder Mensch (jede Existenz) kann ein Held sein, erfolgreich und bekannt sein. Das trifft gar auf die wenigsten Menschen zu. Trotzdem sind solche Existenzen eine Art Selbstzweck. Das gute Leben leben und so.

8.
Wenn man versucht ein bisschen Farbe ins Leben zu bringen, dann endet das meistens in einer grellen Übersättigung. Man fühlt sich ständig gelangweilt und möchte alles etwas intensiver und interessanter haben, aber dabei übertreibt man es. Schlussendlich bedauert und bereut man seine Taten. Man bedauert das, was man getan hat, sowie das was man nicht getan hat. Es scheint fast unmöglich, mit sich selbst im Reinen zu sein.

9.
Bei meinen Bemühungen, die menschliche Existenz und damit Zusammenhängendes zu ergründen und zu verstehen, stosse ich in die unterschiedlichsten Richtungen vor. Philosophie, Psychologie und Soziologie einerseits, Literatur andererseits. Der eine ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der andere einer, der auf den Erzählungen rund ums Menschsein basiert. Geschichten sind ein zeitloses Medium um Sachverhalte und Wahrheiten zu transportieren und verständlich zu machen. Bei Bukowski kann man viel über das Elend des menschlichen Alltags und der Tristesse des Arbeiters und der unteren Schichten erfahren. Auch das komplizierte Zusammenspiel von Mann und Frau wird beleuchtet. Bei Hemingway kann man eine glorreichere, genussvollere Seite des Menschen entdecken. Updike ist ein Meister darin, das Innenleben einer Familie und einer Ehe zu präsentieren. Yates porträtiert unterlegene und traurige Gestalten, die versuchen durch den Tag zu kommen. Pedro Lenz erzählt die kleinen Geschichten des kleinen Mannes. John Fante legt sein Herz aufs Blatt und erzählt uns wer er ist. So kann man menschliches Verhalten studieren, indem man die Schilderungen davon liest, reflektiert und dann entsprechend in der Realität sucht. Wenn man sich dann noch eine wissenschaftliche Basis aneignet, dann hat man ein umfassenderes Verständnis des Menschen. Dieses Fundament ist solide genug, um das eigene Haus mit Theorien rund um das Leben und das Menschsein aufzubauen. Jedenfalls hoffe ich das.

10.
Die Möglichkeiten die sich einem Menschen durch das Schreiben eröffnen, sind unendlich, jedenfalls innerhalb der Grenzen der persönlichen Fantasie, des Intellekts und der Artikulationsfähigkeit. Der Reiz daran, seine Gedanken zu formen und aufs Blatt zu bringen liegt wohl einerseits am Spiel mit den Worten und den Inhalten, andererseits mit dem schöpferischen Akt. Das erschaffen eines Werkes ist doch gerade das, was heute manchem in seinem Berufsalltag fehlt. Viele von uns erschaffen nicht mehr, sie bearbeiten nur noch. Man hat am Ende des Tages kein fertiges Produkt vor sich, welches das Tagwerk illustriert. In handwerklichen Berufen ist dies natürlich nach wie vor so, aber in Dienstleistungsberufen, im Bürojobs etc. fehlt dieser physische Ausfluss der Arbeit. Mein konkretes Beispiel: Sitze täglich vor dem Bildschirm und arbeite mit Daten, Excel Tabellen etc. Das Resultat ist eher abstrakt und lässt sich schlecht als Zeugnis für die Mühen und Aufwände, für die Fortschritte und Erfolge verwenden.

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